Marcel Pott - Nahost

Marcel Pott zum Thema:
US-Kampftruppen verlassen den Irak *

Die letzte amerikanische Kampfbrigade hat den Irak verlassen. Sieben Jahre, nach der  Invasion und der Beseitigung des Saddam-Regimes durch Präsident Bush junior, sind  nur noch rund fünzigtausend Truppen im Land. Sie sollen die irakische Armee weiter ausbilden und ihr logistische Unterstützung leisten. Das Stationierungsabkommen sieht vor, dass Ende 2011 auch die noch verbliebenen Soldaten der USA aus dem Irak abziehen müssen.

Ob es tatsächlich dazu kommt, bleibt angesichts der Lage im Lande abzuwarten. Fest steht, dass der Irak alles andere als stabil ist. Fünf Monate nach den Parlamentswahlen gibt es keine mehrheitsfähige Regierung. Die Nationalversammlung hat ihren Parlamentspräsidenten noch nicht gewählt und die konstituierende Sitzung bis auf weiteres vertagt. Die irakische Bevölkerung ist frustriert über die Unfähigkeit ihrer Politiker Die Wirtschaft liegt am Boden,  Terror und Gewalt nehmen wieder zu.

Viele Iraker sind deshalb verärgert über den amerikanischen Panzersoldaten, der bei seiner Fahrt über die irakisch-kuwaitische Grenze voller Erleichterung rief: “Wir haben gewonnen. Es ist vorbei. Wir haben dem Irak die Demokratie gebracht.“ Schließlich verrichten die Terroristen von al-Qaida  weiterhin ihr blutiges Handwerk im Irak .Und es ist noch längst nicht klar, ob die anfällige Demokratie überdauert.
 
Die  Menschen im Irak fragen sich, ob die neu geformte Armee und  die Polizei es schaffen, ihnen künftig ein sicheres Leben im Alltag zu garantieren. Doch hier wie überall in der Welt gilt, dass militärische und polizeiliche Mittel allein nicht genügen, um eine Gesellschaft von innen heraus zu befrieden. Dazu braucht es eine Übereinkunft der bestimmenden Kräfte des Landes über die politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung des Gemeinwesens. Es ist noch nicht ausgemacht, ob die ethnisch und religiös so heterogene Bevölkerung einen gemeinsamen Nenner finden wird, um den Irak auf humane Weise regierbar zu machen.

Ob Kurden, Araber, Schiiten und Sunniten sich einigen können, wie die Macht im Staate und die Öleinnahmen aufgeteilt werden sollen, ist unentschieden. Kirkuk, das ölreiche Gebiet im Norden des Irak, ist ein Pulverfass. Kurden, Araber und Turkmenen reklamieren Kirkuk gleichermaßen für sich, und das macht die Lage dort instabil und gefährlich. Die irakischen Politiker müssen bei diesen Problemen eine abgestimmte Lösung finden. Und sie müssen darüber entscheiden, ob sie die religiöse, ethnische und kulturelle Vielfalt  des Irak in die Einheit eines Bundesstaates einbringen wollen.

Erst, wenn diese Hürden überwunden sind, wird die intellektuelle Elite zurückkehren, um ihr geschundenes Land wieder aufzubauen. Es liegt auf der Hand, dass die Wirtschaft im Irak nur in Fahrt kommen kann, wenn der Staat elektrische Energie bereitstellt.  Die Regierung war aber bisher nicht dazu in der Lage, eine ausreichende Energieversorgung zu gewährleisten. Ständige Stromausfälle blockieren jede wirtschaftliche Tätigkeit, die Schaffung von Arbeitsplätzen und damit die Beschäftigung jener Iraker, die sich bei Privatmilizen verdingen, um ihre Familien ernähren zu können. Elektrizität ermöglicht Investitionen und erlaubte es dem Öl- und Gassektor zu expandieren. Impfstoff und frische Lebensmittel könnten gekühlt werden, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, wie erfolgreich war der amerikanische Krieg im Irak ? Die Iraker selbst sind hier gespalten. Nur wenige vermissen zwar die Herrschaft von Saddam Hussein. Nicht alle Iraker finden aber, es gehe ihnen jetzt besser als vor der Invasion 2003.  Viele meinen sogar, sie seien wirtschaftlich und sozial viel schlechter gestellt.

Was die geopolitischen Folgen des Krieges angeht, so sind vor allem die sunnitischen Araber darüber besorgt, dass Amerika damit den regionalen Einfluss des Iran erheblich gestärkt hat.  Unter Saddam war der Irak in der Region ein mächtiges Land, das ein Gegengewicht zum Iran darstellte. Diese Rolle wird der Irak für lange Zeit nicht mehr spielen können. Saudi Arabien, die Schutzmacht der Sunniten, fürchtet nun den Hegemonialanspruch des schiitischen Iran.

Der Machtzuwachs pro-iranischer Schiiten in Bagdad und der Aufstieg der schiitisch -libanesischen Hisbollah in Beirut führt den Saudis vor Augen, dass die Perser den Arabern in ihrer Heimat das Heft aus der Hand nehmen könnten. Tatsächlich verfügt der Iran heute mit dem Einfluss auf Hisbollah, der Allianz mit Syrien und seinen Interventionsmöglich-keiten im Irak und in Palästina über wirkungsvolle Instrumente. Zu ihrem Leidwesen  merken das auch die USA.

Dennoch bleibt zu beachten, dass der Irak ein arabisches Land ist. Wenn die Araber auf Bagdad zugehen und den wirtschaftlichen Aufbau fördern, können sie dort ein arabisches Gegengewicht zum Einfluss des persischen Iran aufbauen.

*Kommentar für den Deutschlandfunk 

<< zurück zur Themenauswahl